11.06.2019

Die schönste Zeit jemals bei der SG

Handball

Boy Meesenburg, Beiratsvorsitzender der SG Flensburg-Handewitt, genießt die Zeit des Erfolges, ohne jedoch die notwendige Entwicklung zu vergessen. Foto: Martin Ziemer

Flensburg/Düsseldorf. Boy Meesenburg ließ sich den großen Festtag natürlich nicht entgehen. Der Beiratsvorsitzende der SG Flensburg-Handewitt war in Düsseldorf live dabei, als sich die SG mit einem 27:24-Sieg über den Bergischen HC die dritte Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte sicherte. 

 Wir sprachen mit ihm über sein persönliches Saisonfazit.

Boy Meesenburg: »Die Saison war überragend. In der Liga haben wir eine Serie hingelegt, was über manche Niederlage in der Champions League und das Aus im Pokal hinweggeholfen hat. Am Ende sind wir mit der Meisterschaft am Ziel. Wir haben uns die Schale erkämpft und das macht mich stolz. Ab Dienstag werde ich meinen Teil dazu beitragen, dass es nicht das letzte Mal war und wir solche Spielzeiten immer wieder erleben dürfen. So etwas ist nicht selbstverständlich und dazu gehören herausragende Konstellationen von Trainer, Mannschaft und Umfeld.«


Meesenburg über die Stärke der aktuellen Mannschaft im Vergleich mit dem Vorjahres-Team:
»Ob man besser oder schlechter ist, hängt immer davon ab, wer mit einem um die Spitze spielt. In dieser Saison gibt es zwei Teams, die extrem stark durch die Saison gegangen sind. Wir sind noch etwas besser als Kiel, aber beide waren überragend. Die Spieler- und Kaderzusammensetzung in dieser Saison empfinde ich als noch gemeinschaftlicher als vorher. Damit will ich nicht sagen, dass es vorher nicht so war, aber unser ganz großes Plus war diesmal die herausragende Gemeinschaft. Das ist ein Verdienst von Kapitän Tobias Karlsson und dem Trainerteam. Wir hatten viele Rückschläge, aber haben diese alle als Team weggesteckt.

... über das aktuelle Team und ob es die beste SG jemals ist:
»Es kommt einem so vor und ist die spontane Empfindung, aber nein, so möchte ich das nicht sagen. Es gab auch andere überragende SG-Teams. Aber das jetzige Team ist fantastisch und ich kann mich nicht erinnern, dass die SG so lange am Stück auf Rang eins stand. Wir waren nie so konstant vorne und unsere Fans konnten noch nie eine ganze Saison lang singen: die Nummer eins im Land sind wir. Das ist der große Unterschied und daher kann man sagen, dass die aktuelle, die vielleicht abgebrühteste Mannschaft jemals ist.

… über die SG heute im Vergleich mit der von vor zehn Jahren:
Wenn man oben steht, ist es immer leicht zu reden, dann hat man schließlich alles richtig gemacht. Im Sport geht es um die Position, die wir aktuell innehaben, wir wollen ganz oben stehen. Deshalb machen wir das alles. Da es so ist, haben wir scheinbar alles richtig und andere mehr Fehler als wir gemacht. Es war aber auch schon umgekehrt, und deshalb dürfen wir uns nicht ausruhen. Wir haben die Krisen und die Umbrüche die wir hatten, richtig gestaltet. Wir haben beispielsweise nach der Trennung von Ljubomir Vranjes die richtige Trainerentscheidung getroffen. Maik Machulla hat den richtigen Co-Trainer gefunden, es wurde das richtige Umfeld gestaltet. Der Beirat hat all das aber nur begleitet. Maik und Dierk Schmäschke (Geschäftsführer/Red.) haben die richtigen Spieler geholt. Glenn Solberg war als Berater ein Glücksgriff. Alle wissen was zu tun ist, und in sofern haben wir die schönste Zeit, die ich je in der SG erlebt habe. Ich habe mir die Kaderplanungen einfacher vorgestellt, weil wir doch Meister sind und ich denke, dass alle bei uns bleiben wollen. Aber andere gucken auf uns und wollen auch so gut werden. Daher stehen wir unter Beobachtung und müssen die nächsten sportlichen Schritte planen.

… über den Stellenwert der SG in der Handballszene:
Wir haben den glücklichen Umstand, dass wir unsere vermeintliche Randlage in den Vorteil umgemünzt haben, dass wir an der Grenze zu Skandinavien liegen und daher für viele Spieler attraktiv sind. Dazu haben wir das richtige Netzwerk und hatten mit sowohl Vranjes vorher als auch jetzt Machulla zwei Trainer, die mit jungen Leuten arbeiten können. Dadurch ist ein guter Kontakt zu vielen Nationaltrainern entstanden, die ihre Teams ebenfalls entwickeln wollen und wir deshalb in deren Augen ein gutes Standing genießen. Unser Umfeld ist dabei familiär geblieben und zunehmend wird unsere Lage auch für deutsche Spieler interessant, auch weil es hier lebenswert ist.

… darüber, ob es einen Mahner im Verein gibt und ob er das sei?
Es gibt keinen generellen Mahner. Trainer, Geschäftsführung und Beirat, wir sind im täglichen Kontakt und gleichen einander aus. Es gibt von jedem eine kritische Begleitung, aber keinen generellen Mahner. Es gibt strategische Diskussionen, der Etat wird besprochen. Wie weit kann man gehen. Wir wollen nie wieder in eine Situation kommen, in der wir über unsere Verhältnisse leben, aber das ist leicht gesagt, wir kämpfen jedenfalls dagegen an. Wir haben ein stabiles Umfeld in Sachen Gesellschafter und Sponsoren. Dem Team hat es gutgetan, dass wir unsere Reisestrapazen mit einigen extra Flügen ausgleichen konnten. Das haben die Spieler mit Leistung zurückgezahlt. Das einzige wovor ich warne, ist eine falsche Erwartungshaltung. Nach dem Champions League-Sieg 2014 haben wir alle gedacht, wir können uns jetzt zehn Jahre lang an der SG erfreuen, doch nach den ersten Niederlagen wurde sofort wieder alles grundsätzlich infrage gestellt. Meine große Sorge ist, was passiert, wenn wir irgendwann mal wieder »nur« Platz drei machen, wird die Mannschaft ausgepfiffen? Oder bekommen wir ein bisschen Lockerheit rein, auch wenn wir mal nicht Meister werden. Im Sport kann man Erfolg weder erkaufen noch einfordern, sondern muss ihn sich erkämpfen. Es mag auch wieder grausame Spielzeiten geben und da kann ich nur mahnen, nicht die Geduld zu verlieren und Vertrauen zu haben, das man sich da wieder herausarbeitet.«

… darüber welche These eher eintritt: Durch die Abgänge von Rasmus Lauge und Tobias Karlsson wird die SG ernsthaft geschwächt oder: das Team ist so gut, dass es das Niveau halten kann:
»Weil so viele Spieler Entwicklungspotenzial haben, können wir den Weggang von Tobias Karlsson wegstecken. An dem Punkt kann das Team sein Niveau halten, sogar noch besser werden. Auch, weil es im Großteil zusammen bleibt. Zahlenmässig steht nicht der große Umbruch bevor. Der Abgang der beiden wird aber menschlich vor allem groß sein, da wird es mental ein Tief geben. Doch wie es immer ist, und daran orientiere ich mich, werden andere einspringen und ihre Rollen übernehmen. Hier sehe ich Jim Gottfridsson, Lasse Svan und auch Holger Glandorf als Eckpfeiler, an denen sich junge Spieler orientieren können. Sie haben großes Standing im Team und können Verantwortung übernehmen. Daher darf man positiv sein, dass wir uns dort sportlich erneut weiterentwickeln.

… über die Vertragsverlängerung von Maik Machulla und ob diese alternativlos war:

Ja. Wenn man die sportlichen Ergebnisse sieht, war es alternativlos, aber auch menschlich. Es ist unglaublich schön mit anzusehen, wie er coacht, seine Art und Weise das zu tun ist hochprofessionell, und auch als Mensch ist es eine Bereicherung ihn als Trainer zu haben. Es war jetzt alternativlos. Damals, im Übergang von Vranjes war es ein Abenteuer. Nicht nur für uns als Verein, sondern auch für Maik selber. In der Theorie kann man sich immer vieles vorstellen, aber in der Praxis ist es anders. Doch jetzt war es alternativlos und ich glaube auch für Maik. Wenn man sieht, mit welcher Freude er arbeitet, möchte er das gerne weitermachen. Wir sind dabei früher auf Maik zugegangen als Maik auf uns. Aber ich wollte ganz früh ein Signal senden, dass er gar keinen Grund hat daran zu zweifeln und ich wollte jeglicher Diskussion, die ganz natürlich mit jedem sportlichen Erfolg aufkommen, da Signale setzen. Und deshalb bin ich froh, dass wir uns da schnell einig wurden. Maik war zunächst überrascht, aber hat dann gesagt: Ich will das auch und daher sind wir glücklich, dass wir ihn jetzt noch viele Jahre haben.

Ruwen Möller

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