21.05.2017

Kiel: Spieler und Fans aus dem Häuschen

Fußball dritte Liga

Sektdusche für die Fans. (Foto: Christophe Gateau/dpa)

Kiel. Als am Samstag der Schlusspfiff ertönt und Holstein Kiel auch ganz offiziell Aufsteiger ist, gibt es kein Halten mehr: Hunderte Fans stürmen nach dem 3:0-Sieg gegen den Halleschen FC den Rasen im Holstein-Stadion, am Ende bleibt vom gepflegten Grün nicht viel übrig. 


36 Jahre hat man in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt gewartet, wieder in solche sportlichen Sphären vorzustoßen - zumindest, was den Fußball angeht: 2. Bundesliga, das ist »nahezu-Fußball-Olymp«. Im Handball ist Kiel längst Spitze. Die Spiele des Bundesligisten THW verfolgen regelmäßig mehr als 10.000 Zuschauer. Ins Holstein-Stadion kommen im Schnitt etwas mehr als die Hälfte. Am Samstag ist das anders. Mit 9243 Besuchern ist es am Westring gerammelt voll. Es sind nahezu Handball-Verhältnisse, was in Kiel ein Synonym für Gigantismus ist. 

»Wir holen die Meisterschaft und den Pokal, Holstein Kiel international«, peitscht vor allem der harte Kern auf der Westtribüne das Team von Beginn an nach vorne. Mit dem 1:0 durch Stefen Lewerenz groovt sich das Publikum ein. Als St. Pauli-Leihgabe Marvin Duksch zum 2:0 trifft, fängt man auf der Haupttribüne an, die Fangesänge aus dem »Westen« zu erwidern. Beim 3:0 (Eigentor) sind plötzlich alle akklimatisiert: Als sei das hier immer so gewesen, als sei Kiel eine Fußballstadt, in der es normal ist, dass am Wochenende rund Zehntausend ins Stadion gehen. Es sind die Vorboten eines Neuanfangs. In der kommenden Saison wird der Club rund sechs Millionen Euro TV-Gelder kassieren. In der 3. Liga waren es noch rund 850.000. Ob der Fanshop, der bisher nur sechs Stunden in der Woche geöffnet hatte, bald länger öffnen muss, ist unklar. Ob die Mitglieder des benachbarten Kleingärtnervereins weiter gemütlich mit dem Fahrrad aufs Trainings­gelände fahren können, ob sie dabei weiter - anders als bei den meisten Bundesligisten - eine nicht von Stahlgitterstreben verstellte Sicht genießen, muss sich zeigen. Nach dem Platzsturm durch die Fans, macht sich das Team im Autokorso zum Kieler Rathaus auf. Fahnenschwenkend wird das Gebäude gestürmt, in dem es an normalen Tagen eher beherrscht zugeht. Konfetti regnet auf die Spielerhäupter nieder, von denen manche mit Vokuhila-Perücken bestückt sind. Es geht zu wie beim Karneval, obwohl das Rheinland denkbar weit entfernt ist. »Oh, wie ist das schön«, singen Fans und Spieler gemeinsam. Da stehen nur noch ein geplantes Feuerwerk, eine Lasershow und eine durchzechte Nacht in Kiel zwischen dem Ende des Kieler Märchens und dem Anfang einer neuen Realität in Deutschlands zweithöchster Spielklasse - und natürlich das Finale des schleswig-holsteinischen Landespokals gegen den SV Eichede. Daran will an diesem Abend aber niemand denken. 


Oliver Beckhoff

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