Rudern

Olympische Spiele als Traum und Dilemma

Ruwen Möller
30. März 2020, 11:18 Uhr

Charlotte Wesselmann auf dem Ruder-Ergometer. Privatfoto

Charlotte Wesselmann stammt aus Flensburg und startet für den Ruderklub der Fördestadt. Sie lebt in Berlin und sitzt im Deutschland-Achter. Die Verschiebung der Olympischen Spiele stellen sie vor eine große Herausforderung.
 

Flensburg/Berlin. Ein beständiges Zischen ist zu hören, dazu leiser Atem. Zug um Zug. Charlotte Wesselmann bewegt sich kontinuierlich und kommt doch nicht vom Fleck. Statt im deutschen Ruder-Achter der Frauen auf dem Wasser unterwegs zu sein, sitzt sie auf ihrem Ruderergometer in Berlin in ihrer Wohnung. Die Coronakrise hat auch den Rudersport mehr als eingeschränkt und seit Dienstag hat die gebürtige Flensburgerin ein großes Problem.
Von der Verschiebung der Olympischen Spiele von diesem Sommer auf nächstes Jahr, hatte die 24-Jährige natürlich schon erfahren, als wir sie am Handy erreichen.

Ihre wichtigste Botschaft schiebt Wesselmann sofort vorweg: »Es ist die einzig richtige Entscheidung, die Spiele zu verlegen.«

Danach kommt auch schon ihr ganz persönliches »Aber«. Denn mit der Verschiebung droht für Wesselmann ein großer sportlicher Traum zu platzen, die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Zugegeben: Der Achter war und ist noch gar nicht qualifiziert, sie ist auch noch längst nicht final nominiert (gehört aber zu den zehn Athleten, aus denen acht ausgewählt werden), doch selbst wenn sich all dies für sie zum positiven wendet: ihre Zukunft ist ungewisser denn je.
»Ich habe alles so ausgelegt, dass ich in diesem Sommer nach den Olympischen Spielen mit dem Leistungsrudern aufhören und ein Studium beginne«, erklärt Wesselmann, die für den Ruderklub Flensburg startet. Von 2015 bis 2019 lebte sie in den USA, hat dort ihren Bachelor-Abschluss in Architektur gemacht und wollte nun in Berlin, wo sie seither lebt ihren Master oben draufsetzen. »Ich bin nicht wie viele andere Athleten bei der Bundeswehr oder der Polizei angestellt. Meine Eltern haben mich finanziell ein Jahr lang unterstützt. Ob ich jedoch studieren und gleichzeitig rudern kann, weiß ich noch nicht, dazu muss ich auch erstmal mit meinem Trainer sprechen.« Wesselmann wünscht es sich, möchte gerne weitermachen, der Traum von Olympia lebt nach wie vor, sie weiß aber auch: »es geht nur mit Unterstützung.«
Wesselmann ist ein Einzelschicksal, von denen es in der Summe aber viele geben wird. Achter-Weltmeister Martin Sauer sieht nicht nur das Rudern, sondern den deutschen Leistungssport nach der Verlegung der Olympischen Spiele ganz generell vor einer schwierigen Phase. »Zwischen 2020 und 2021 stehen so viele Hürden, das ist nicht einfach nur ein Jahr. Der deutsche Leistungssport ist eben kein Profisport, das darf man nicht vergessen. Für uns sind das immer auch existenzielle Fragen, die sich da stellen«, sagte der Steuermann des Deutschland-Achters den »Ruhr Nachrichten«.
»Für uns gibt es jetzt mehr Fragen als Antworten, wir müssen uns komplett neu aufstellen.«
Der 37 Jahre alte Sauer will nicht ausschließen, dass viele ältere Athleten nun über ein Karriereende nachdenken: »Nicht nur ich muss mich langsam um meine berufliche Karriere kümmern, das betrifft sicher die Hälfte unserer Athleten. Alle Planungen, auch persönliche, sind damit den Bach runtergegangen. Uns läuft die Zeit davon.«
Er verwies zudem auf private Aspekte: »Ein Jahr Verschiebung, das heißt erneut, ein Jahr seine Familie nicht zu sehen, Frauen, Lebensgefährtinnen, Freunde, die müssen ja ebenfalls mitmachen, nachdem sie zuletzt schon so viel zurückgesteckt haben.«
Auch für jüngere Athleten erwartet Sauer gravierende Auswirkungen: »Die Verschiebung betrifft den Deutschen Ruderverband, die Nachwuchs-Athleten, die für Olympia in Paris 2024 planen. Denn da wird es in der Vorbereitung dann an Zeit, an Mitteln, an Plätzen fehlen.«
Vor allem der Aspekt von fehlenden Mitteln war es, der Wesselmann vor fünf Jahren in die USA zog. Sie folgte ihrer großen Schwester Paula, ebenfalls eine begnadete Ruderin, die einst vor dem Sprung ins Nationalteam stand. Charlotte Wesselmann ging an die Berkeley-Universität in Kalifornien. Im Gegensatz zu Deutschland ermöglicht in den USA das College-System einem Top-Athleten, sich gleichermaßen auf den Sport und das Studium zu konzentrieren. Diesen Vorteil nutzte Wesselmann aus. Die Junioren-Kader-Athletin war nach dem Abitur 2014 durch eine Knie-Operation zu einer anderthalb-jährigen Zwangspause verdonnert worden. In Amerika fand sie zu alter Stärke und zurück in Berlin wollte sie sich den Traum von Tokio erfüllen.
Als Anfang März die Coronakrise Europa mit voller Wucht ereilte, war sie mit dem Team in Spanien im Trainingslager. Erst wurden Weltcups im April und bald schon die finale Regatta um die Olympia-Qualifikation im Mai abgesagt. »Das war schon hart und ich bin in ein Motivationsloch gefallen«, gibt sie zu. »Zum Glück konnten wir dann zurück nach Deutschland«, so Wesselmann, die sich seither zu Hause fit hält und die Turbine an ihrem Ergometer-Gerät wieder zum heulen bringt. Zug um Zug, um sich irgendwann auch wieder tatsächlich zu bewegen - am liebsten Richtung Tokio und Olympische Spiele, dann halt in 2021.

Ruwen Möller