DHB-»Bad Boys« im Tunnel

Handball EM

29. Januar 2016, 07:00 Uhr

In Anlehnung an einen Hollywood-Kracher haben wir ein Kino-Plakat entworfen. Der verletzte DHB-Kapitän Steffen Weinhold hat uns im Nachhinein verraten, dass der Schlachtruf des Teams - »Bad Boys« - gar nichts mit dem Film zu tun hat. Vielmehr hat Trainer Dagur Sigurdsson in Erinnerung an das legendäre Basketball-Team der Detroit Pistons den Namen ins Spiel gebracht.

Breslau. Der Erfolg gegen Dänemark und der damit verbundene Einzug ins Halbfinale haben die deutschen Handballer bei der Europameisterschaft in Polen vor ungeahnte Probleme gestellt. 


Sportlich läuft vor dem Halbfinale heute gegen Norwegen (18.30 Uhr, live im ZDF) alles wie selbstverständlich weiter, Probleme bereitet aber die Organisation von Tickets für Freunde und Familie. Das Spiel gegen Dänemark, das mit einem 25:23-Erfolg der deutschen Mannschaft endete, war noch keine halbe Stunde vorbei, als Fabian Wiede, dem immer noch das durchgeschwitzte Trikot auf dem Körper klebte, telefonierte. Nach dem Sprung unter die besten Vier dieser EM und vor der Weiterreise nach Krakau musste der Berliner Anfragen abarbeiten. Jeder Nationalspieler hat seit Mittwochabend ein paar »beste Freunde« mehr, die nach Karten für das Finalwochenende fragen. Wiede wies die Wünsche jedoch mehrheitlich zurück, nur ein kleiner Kreis kommt in den Genuss, über den Mann versorgt zu werden, der eine Hauptrolle gegen die Dänen gespielt hatte. Weil Wieder eine herausragende Leistung zeigte, fiel beinahe nicht auf, dass mit Steffen Weinhold der Kapitän verletzt gefehlt hatte. Im rechten Rückraum war Wiede ein Aktivposten, und nicht zufällig besiegelte er mit seinem Tor zum 25:23 den Sieg über den Favoriten. »Fabian trägt das Siegergen in sich«, sagt Bob Hanning anerkennend. Der Vizepräsident des deutschen Handballbundes entdeckte den Linkshänder als Jugendtrainer der Berliner Füchse und ist nicht überrascht, mit welcher Coolness Wiede gegen die Dänen auftrumpfte: »Fabi ist so ein Typ, der zeigt nie Nerven und weiß, wie man gewinnt.« In sieben Jahren bei den Füchsen sammelte Wiede im Nachwuchs und Seniorenbereich sieben Titel.

Selbstbewusstsein

Der achte, und wichtigste in der Laufbahn von Wiede, könnte am Samstag dazukommen und die Chancen dafür stehen gut. Nicht weil der Gegner Norwegen heißt und nicht weil neben Dänemark mit Frankreich und Polen weitere Favoriten überraschend ausgeschieden sind. Die Chancen stehen gut, weil die Deutschen nach dem Sprung ins Halbfinale auf dem Feld feierten, direkt danach aber in ihren »Tunnel« zurückkehrten. »Natürlich wollen wir das Halbfinale gewinnen, und danach das Endspiel«, sagte Wiede. Für die Handball-Nation ist das Erreichen des Halbfinales ein Erfolg, für die Spieler nicht. Interessant wird das Duell gegen Norwegen Freitagabend, denn die Skandinavier sind beinahe das Spiegelbild der Deutschen. Auch die Norweger haben viele junge und weitgehend unbekannte Spieler im Team, verloren das erste Spiel bei diesem Turnier, und erwischten anschließend eine Welle, die sie zu Siegen über Kroatien, Polen und Frankreich trug. »Wir werden unserer Linie treu bleiben«, kündigte Dagur Sigurdsson an. Der Isländer strahlte Donnerstag die Gewissheit aus, dass die Welle, auf der seine Mannschaft segelt größer und stärker als die der Norweger sein wird. In der Mannschaft gibt es keinen Zweifel. »Wir haben noch zwei Spiele und beide werden wir gewinnen«, sagte Andreas Wolff. Der Torhüter ist ein Sinnbild der deutschen Handballer bei dieser EM und wird immer mehr zum Sprachrohr. Der Mann, der im Sommer zum THW Kiel wechseln wird, hatte schon nach dem ersten Spiel der Hauptrunde gegen Slowenien verraten: »Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir hier alles gewinnen.« Das unerschütterliche Selbstbewusstsein von Wolff ist längst auf alle Spieler übergesprungen. Die-Helden sind bereit für den nächsten Schritt auf dem Weg zum Titel. Die Suche nach Karten kam Donnerstag auch noch zu einem zufriedenstellenden Ende. Zumindest für Erik Schmidt. Fünf Tickets benötigte der Kreisläufer der TSV Hannover-Burgdorf für Großeltern, Eltern und Freundin. »Das muss klappen«, sagte Schmidt, ehe er sich mit dem Teambus von Breslau aus in Richtung Krakau aufmachte. Am Nachmittag gab es die Gewissheit, Teammanager Oliver Roggisch hatte die Wünsche erfüllt, so dass der Fokus von diesem Moment an nur noch auf dem heutigen Gegner Norwegen lag. Die deutschen Handballer waren wieder in ihrem »Tunnel«.


Michael Wilkening